Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 11. August 2012, Wettsteinplatz

11. August 2012, Wettsteinplatz  

Auf dem neu gestalteten Wettsteinplatz richten wir unseren Abendbrottisch im Schatten eines aufgelassenen Kiosks ein. In Interwallen gesellen sich um uns herum immer wieder Menschentrauben, die auf die Ankunft von Tram oder Bus warten. Die Taktung der Abfahrtszeiten regelt häufig die Verweil- und Gesprächsdauer und unterbricht den Dialog amüsant-abrupt. Doch einige Café-complet-Experten vergessen die Zeit und entscheiden sich bewusst dazu, den nächsten Bus zu nehmen, um ausgiebig mit uns zu plaudern.

„Heute hatten wir schon unseren Café complet, da wir jetzt noch in den Park gehen. Normalerweise nehmen wir um 18 Uhr unser Nachtessen ein, das eigentlich immer ein Café complet ist. Und ja, wir nennen das auch so, denn wir kommen vom Land. Inzwischen, wir sind ja nicht mehr die Jüngsten, haben wir den Kaffee gegen Tee eingetauscht. Früher gab es auch häufig Reste vom Mittag zum kalten Nachtessen dazu. Heute koche ich mittags weniger für mich und meinen Mann und es bleibt nichts mehr übrig. Mein Mann ist 89 Jahre alt und – schauen Sie ihn an – mein Essen und Café complet haben ihn fit gehalten. Als ich Kind war, gab es jeden Tag Rösti zum Café complet und einmal in der Woche Gschwellti.“ (Älteres Ehepaar; sie erzählt ausgiebig, nachdem sie zu Beginn des Gesprächs noch meint, sie wisse nicht, was Café complet sei. Dies lag aber nur an unserer falschen Aussprache…)

„Ja, vor allem im Spital ist das Café complet noch ein Begriff. Dort wird es jeden Sonntag gemacht. Es ist wendig aufwendig und gut vorzubereiten für die Küche.“  (Ältere Dame)

„Was? Café complet? Kenn ich nicht!“, er. Sie: „Doch – das kennst du. Das ist eine Brotzeit. Mit Kaffee? Nein, für mich ohne Kaffee.“            (Junges Paar mit zwei Kindern)

„Ein Café complet wird mit Filterkaffee gemacht und mit warmer Milch serviert. Zum Frühstück gibt es dann ein Hörnchen zum Eintunken dazu. Eine andere Variante ist die mit Brot, Butter und Konfi. – Ja, als Abendbrot gibt und gab es das auch, aber in meiner Familie haben wir das nicht gemacht. Ich glaube der Begriff kommt ursprünglich aus der französischsprachigen Schweiz.“                    (Ältere, sehr elegante Dame)

Café complet? Das ist ja lustig – meine Tochter und ich haben kürzlich gesagt, wenn wir mal ein Café aufmachen sollten, dann muss es Café complet heißen, denn wir essen das gerne am Abend. Wir kommen nicht von hier, sondern sind aus Graubünden, da ist es, glaube ich, noch üblicher.“   (Junge Mutter mit drei Kindern – die große Tochter freut sich tierisch darüber, auf unserem Plakat einen Café complet zu entdecken)

„Ob es DER oder DAS Café complet heißt? DER Café complet heißt es amtssprachlich und das sagt man wohl eher im Dialekt.“            (Susanne)

Café complet ist in der Schweiz so beliebt, weil der Schweizer eben gerne Kaffee trinkt. Hier gibt es einfach auch guten Kaffee. Der Kaffee in Deutschland schmeckt mir zum Beispiel nicht. Morgens esse ich in der Regel ein Bircher Müsli und abends ein Stück Brot, dann auch gerne einen Kaffee dazu – ich habe kein Problem mit dem Schlafen. Aus der Kindheit hat sich eine Abendbrotgeschichte besonders eingeprägt: Meine Mutter hat früher als Nachtessen häufig Griespudding gekocht. Der kam dann in der Form zum Auskühlen in ein Wasserbad; oft schwamm er dann im Badezimmerwaschbecken. Eines Tages – ich war ein kleines Mädchen und musste auf die Toilette – hat es mich sehr gereizt, den im Becken dümpelnden Pudding anzuschubsen. Einmal, zweimal, bis natürlich Wasser reinschwappte. Zur Strafe musste ich dann ins Bett. – Nein, nicht ohne Essen, ich musste den wässrigen Griespudding aufessen während mein Vater mit strenger Miene daneben saß.“   (Ältere Dame, die länger mit uns redet und mehrere Busse verpasst)

„Für mich steht der Begriff >Abendessen< für eine kalte Mahlzeit, wie der Café complet und ein >Nachtessen< ist warm. Ich bin ein Bauernsohn und meine Mutter hat immer eine ganz spezielle Kaffeemischung in einem großen Topf angerührt: Bohnenkaffe, Getreidekaffee, Zichorie und dunkler, gerösteter Zucker – den gab es in so blauen, abgepackten Würfeln – wurden vermischt. Dazu gab es natürlich warme Milch. Dieser Kaffee wurde dann auch in großen Behältnissen aufs Feld gebracht.“ (Mann mittleren Alters mit Tochter; als seine Frau dazu stößt, werden wir spontan zum Abendessen eingeladen)

 

 

 

 

Kategorie: Allgemein, Café complet Kommentieren »


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