Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 8. & 9. August 2012

Oberer Rheinweg auf der Höhe der Hausnummer 63

Bei schönstem Sommerwetter haben wir uns am Rheinufer der Kleinbaseler Seite mit unserem Abendbrottisch eingerichtet. Ein gedeckter Tisch mit hessischer Wurst und dunklem Brot lädt zum Verweilen ein und zieht neugierige Blicke auf sich. Es herrscht hohes Fußgänger- und Fahrradfahreraufkommen. Menschen auf dem Heimweg mischen sich mit Touristen, Spaziergängern und Rheinschwimmern. Letztere prägen die Atmosphäre, die eher einem Strand als einer großstädtischen Uferpromenade gleicht. Flaneure/innen in Badehose und Bikini überwiegen, was sie aber nicht davon abhält, an unseren Abendbrottisch heranzutreten oder Platz zu nehmen. Mit ihnen kommen wir ins Gespräch über das traditionelle Nachtessen in der Schweiz.

Wir möchten wissen, ob es den Café complet als aktuelle kulturelle Praxis überhaupt noch gibt, welche persönlichen Erinnerungen damit verbunden sind und was zu einem richtigen Café complet unbedingt dazugehört. Außerdem möchten wir natürlich gerne zu einem Basler Nachtessen, am besten einem Café complet, eingeladen werden…

Die folgenden Zitate verstehen sich als sinngemäße Zusammenfassungen der Gespräche. Wir geben hier nur die wieder, aus denen sich keine inhaltlichen Wiederholungen ergeben.

„Ja, Café complet gibt es natürlich noch. Aber sicher nicht mehr flächendeckend. In Altersheimen ist es aber nach wie vor sehr beliebt!“ (Älterer Passant in Badehosen)

„Café complet gab es früher jeden Tag – und ich fand das prima. Da wurde ein großer Krug mit dünnem Kaffee gekocht, der immer wieder aufgewärmt wurde. Dazu gab es Brot, Konfi, Käse und oft die Reste vom Mittag dazu. Ich denke, den Kaffee gab es vor allem, um das Brot darin einzutunken. Ich bedaure sehr, dass es das heute bei uns nicht mehr gibt. Meine Frau ist Italienerin und schätzt Café complet gar nicht. Heute würde ich, wenn man mich ließe, drei Mal am Tag Bircher Müsli als Café complet essen.“ (Ein weiterer Passant in Badehosen)

„Ich arbeite im Spital. Da gibt es einmal in der Woche Café complet zur Auswahl auf der Karte. Auch wir Beschäftigten im Krankenhaus essen es dann gerne.“ (Junge Frau im Schwimmdress, die sich mit dem Kommentar: „Sau guat, die Wurst“, verabschiedet.)

„Café complet war in der armen Zeit das Essen zum Abend. In der Regel gab es Käse zum Kaffee, denn Wurst war zu teuer. Heute existiert das Café complet auch noch, es ist im Wohlstand nur aufwendiger geworden und es gibt von allem mehr. Für mich heißt Café complet: >Kaffee, der komplettiert wird< – eigentlich egal mit was. Ich persönlich mache mir sehr gerne Rösti dazu.“ (Ältere Herr nebst Gattin, der lange mit uns redet und vom Nachtmahl zur Politik kommt und feststellt, dass es nur in der Schweiz echte Demokratie gibt.)

„Für mich gehört unbedingt Bircher Müsli zum Café complet. Am liebsten mag ich es mit acht Anteilen geriebenen Äpfeln auf einen Teil Getreideflocken. Bei uns gibt es allerdings ein deutsches Abendbrot, da ich mit einem Deutschen verheiratet bin.“                                                                                                                                                                                                                                              „Und ich glaube, dass eigentlich noch nicht einmal unbedingt Kaffee dazugehört. Café complet steht für das kalte Nachtessen. Brot und Butter gehören auf jeden Fall dazu. Alles andere ist variabel.“ (Zwei junge Frauen mit Kinderwagen)

„Bis zu meinem 12. Geburtstag gab es Café complet mit Brot, Butter und Käse. Als Käse hat meine Mutter immer Emmentaler zum Nachtessen serviert, den ich bis zum heutigen Tag überhaupt nicht mag. Bei uns gibt es jetzt oft Salat am Abend – ich mache dann zwei bis drei verschiedene.“ (Roland)

„Für mich gehört zu einem traditionellen Café complet unbedingt Konfi dazu. Früher gab es Kaffee, Butter und Konfi, vielleicht auch noch Käse. Das, was die Leute eben hatten. Aber Konfi war unbedingt dabei, denn Früchte zum Einkochen hatten die Leute immer – das war preiswert und Café complet war ja eher ein armes Essen. Bei uns zu Hause gab es früher oft Gschwellti (Pellkartoffeln, Butter, Käse) zum Nachtessen – auch ein schlichtes Essen.“ (Barbara vom Wirtshaus Lallekönig, die uns zu einem Nachtessen in ihr Lokal einlädt, da sie abends immer arbeiten muss. Extra für uns möchte sie am kommenden Samstag Gschwellti servieren, das nicht auf der Karte steht, aber das Nachtessen ihrer Kindertage ist.)

„Café complet steht schlicht für einen Kaffee, der komplettiert wird, und den man zum Abend einnimmt. Mit was, ist persönliche Vorliebe.“ „Café complet steht für eine alte Tradition: man aß, was da war. Zum Milchkaffee gab es Brot, Butter und Konfi. Vielleicht noch Käse oder Wurst, wenn man zum Beispiel Tiere hatte. Das Café complet gibt es heute noch, es ist nur üppiger geworden. Inzwischen wird der Begriff aber auch für ein Frühstück verwendet. Ich glaube, dass in der Innerschweiz das traditionelle Café complet am Abend noch mehr vorkommt als hier in Basel.“ (Ein Paar in Begleitung von fünf Kindern)

„Bei mir gibt es JEDEN Abend Café complet, denn mittags kann ich nach Hause gehen, um warm zu essen, was ja sehr selten geworden ist. Inzwischen lasse ich aber den Kaffee weg und trinke eine Schorle dazu, damit ich nachts besser schlafen kann.“ (Älterer Passant in Badehose in Begleitung seiner Stieftochter)

„Vor sechzig Jahren gab es bei meiner Mutter immer nach der frischen Obsternte Café complet. Dann mussten die restlichen Konfi-Gläser vom Vorjahr aufgegessen werden. Heute kennt man den Begriff Café complet wohl vor allem aus der Gastronomie. Da steht er inzwischen für ein Frühstück – eben mit Kaffee, Brot, Konfi, Käse und je nach Aufwand auch mit mehr dazu. Früher war das wirklich ein einfaches Nachtessen. Aber nicht mehr viele Schweizer essen abends kalt.“ (Hans)

„Bei uns zu Hause gab es das Café complet immer montags. Da war Waschtag. Dann hatte meine Mutter genug zu tun und abends wollte sie nichts Aufwendiges mehr machen. Auch heute mache ich mir noch ein Café complet, wenn ich nur noch ein bisschen was am Abend essen möchte. Für mich ist Café complet: >Man isst, was noch das ist<.“  (Renate)

Kategorie: Allgemein, Café complet Kommentieren »


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