Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 22. August 2012, Rheinsprung

22. August 2012, ABENDBROTTISCH am Rheinsprung 18

Für unsere letzte Abendbrotintervention im öffentlichen Raum in Basel haben wir uns einen Platz in unmittelbarer Nähe zu unserem Domizil in der Altstadt ausgesucht. Eine schmale Gasse weitet sich zu einer Terrassensituation und gibt den Blick auf den Rhein und die Mittlere Brücke frei. Auffällig ist hier eine große, quadratische Teerfläche, die auf das Pflaster gelegt ist. Wahrscheinlich eine temporäre Ausbesserungsmaßnahme. Uns ist sie willkommen, denn sie bietet unserem Abendbrottisch eine fast bühnenartige, auf jeden Fall herausgehobene Situation.

Berufstätige eiligen Schrittes sowie Touristen, die zum Ausblick auf den Rhein kurz an der Mauer verweilen, passieren unseren Tisch. Besonders auffällig sind die vielen Radfahrer, die sich die steile Straße herauf kämpfen oder flott in die andere Richtung herunterfahren. Auch Jogger in großen Gruppen eilen schwitzend und schmunzelnd an unserem Aufsteller vorbei.

Café complet? Noch nie gehört! Wir kommen allerdings auch aus Deutschland, leben und arbeiten aber hier. Ich bin mit einem Schweizer verheiratet. Komisch, dass mir der Begriff noch nie begegnet ist. Ich werde meinen Mann gleich heute Abend mal interviewen, was er damit verbindet.“ (Junge Frau in Begleitung einer Freundin)

„Ich komme aus der Westschweiz – aus Lausanne – da ist das Café complet nicht so verbreitet, aber ich kenne es und esse abends oft kalt. Heute werde ich im Zug essen, da ich noch nicht einmal zum Mittagessen gekommen bin. Ich bin Student und arbeite gerade in  einer Firma in Lörrach. Wenn ihr sehen wollt, wie mein Nachtessen heute aussieht (breitet seinen Einkauf auf unserem Tisch aus) – Brot, Käse und Nektarinen wird es heute geben. Das ist eigentlich ein typisches Essen für mich. Das Leben in der Schweiz ist teuer und ich bemühe mich, preiswert einzukaufen (legt auch den Bon auf den Tisch zu seinem Einkaufsstillleben).“ (Junger Mann mit großer Tasche)

„Ich weiß nicht, was ein Café complet ist, aber eure Wurst kenne ich. Das ist >Ahle Worscht<, oder? Ich komme aus Kassel, dort gibt es diese hessische Wurst auch. Ja, eure ist sehr lecker. Mit meiner Mutter hat es einmal ein Missverständnis gegeben, als wir uns zum Essengehen verabredet haben. Klar war, dass wir uns zu einer warmen Mahlzeit verabredet haben, über die Uhrzeit haben wir nicht gesprochen. Als ich abends kam, um sie abzuholen (ich esse immer abends warm), war sie tödlich beleidigt, denn sie hat ab mittags auf mich gewartet. Für sie war ganz natürlich die warme Mahlzeit mit dem Mittagessen gleichgesetzt. Abends gab es bei ihr klassisch Abendbrot, pünktlich um 19 Uhr. Warum meine Mutter sauer war, habe ich erst viel später erfahren. Ich dachte damals, weil ich mich um einige Minuten verspätet habe…“ (Ältere Dame, die für einige Tage in Basel ist und gerade aus der Jeff Koons Ausstellung kam.)

Café complet? Das ist doch ganz klar! Das ist das, was wir daheim haben: Kaffee, Konfi, Käse, Gschwellti.“ (Ruft uns ein Mann mittleren Alters im Vorbeigehen zu und zählt die Zutaten wie einen Abzählreim auf.)

„Na klar, kennen wir den Café complet. Wir sind Deutsche, die hier im Grenzgebiet wohnen. Ob wir den für uns auch machen? Nein, das ist ganz klar eine Schweizer Sache. Wir würden nie abends Kaffee trinken. Wir trinken unseren Kaffee immer schon direkt nach dem Mittagessen. Wichtig ist uns dabei, dass er aus einem Glas getrunken wird. Seit ich denken kann, gab es bei uns nach dem Mittagessen einen Kaffee und diesen immer aus Gläsern, die an einfache Weingläser erinnern. Nach dem Krieg hat mein Vater seinen Kaffee mittags immer mit einem Kirschwasser darin getrunken. Ich glaube, der Café complet spielt hier eine Rolle, weil die Schweizer einfach sehr gerne und viel Kaffee trinken. Die machen ja auch einfach einen verdammt guten. Wenn man sich in der Schweiz auf etwas verlassen kann, dann auf den Kaffee und die sauberen, guten Betten.“ (Älteres Ehepaar)

„Ich kenne mich mit dem Café complet nicht aus. Mit Abendessen aber schon – da bin ich sehr flexibel und esse sehr unterschiedlich, in der Regel, was eben da ist. Zurzeit bin ich wieder länger mit dem Fahrrad unterwegs – ich komme gerade aus Norwegen – da esse ich abends vor meinem Zelt meistens kalt. Das beste und reichlichste Abendessen habe ich in Georgien im Kaukasus kennengelernt, da wird man so gastfreundschaftlich und gut bewirtet, dass man kaum dagegen anessen kann.“

(Mann mittleren Alters aus Bayern, der mit dem Fahrrad bei uns anhält. Als Weltenbummler hat er in den vergangenen 12 Jahren den gesamten Globus mit dem Rad umrundet und war jeweils mehrere Monate am Stück unterwegs. Er berichtet uns von seinen Reisen, den vor Ort gemachten Erfahrungen und wie sich sein Beruf als Werkzeugmacher mit den Langzeitreisen in Verbindung bringen lässt. „Ich finde es viel verrückter jeden Tag zur Arbeit zu gehen, als das, was ich mache.“ Uns verspricht er ein spezielles Abendbrotfoto von einer seiner Reisen.)

Kategorie: Allgemein, Café complet, Feldforschung Abendbrot vor Ort Kommentieren »


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