Kleiner Abendbrotkongress, BROT die Zweite

Kleiner Abendbrotkongress, BROT die Zweite

Ein kleiner Abendbrotkongress an ungewöhnlichem Ort: im Rahmen der Ausstellung „Himmelsbrot“ werden Abendbrottische im Hauptschiff der Epiphaniaskirche im Frankfurter Nordend eingedeckt. Ahle Wurst, Käse, Butter und Gürkchen versammeln sich auf den Tischen, die im Bereich unterhalb der Orgel aufgereiht alle Gäste willkommen heißen.  Der Abendbrotkongress beginnt, nachdem sich die Kongressteilnehmer mit den nötigen Arbeitsunterlagen (dreierlei BROT) eingedeckt und Platz genommen haben. Auf dem Expertenpodium – in diesem Falle einer Kirchenbank – hoffen die Abendbrotforscher und Bäckermeister Björn Schwind aus dem Stadtteil auf anregende Gespräche, die sich jedoch rasch und wie von selbst einstellen.

Der Stadtbäcker wird zum Alltag in seinem „Laden“, der ambitionierten Biobäckerei „ZEIT FÜR BROT“, befragt. Er weiß von Modekrankheiten und darauf reagierenden Brotsorten, von produktbewusster Kundschaft und den grundsätzlichen Unterschieden einer Bäckerei im urbanen Umfeld  und einer auf dem Lande zu berichten. Weiter führt er die Vorteile der Teamarbeit aus, benennt die Problematik, in diesem Job gute Auszubildende zu bekommen und beschreibt den täglichen Spagat zwischen Qualität und ökonomischen Zwängen. Ein saftiges, wohlschmeckendes Brot gelinge vor allem dann, wenn es möglichst viel Wasser enthalte, erfahren die Brot schmierenden Teilnehmer. „Der Teig sollte feuchter sein, als Mitarbeiter und Maschinen es in der Verarbeitung mögen“, so der Bäckermeister. Und dass sich hinter dem Bäckereinamen „ZEIT FÜR BROT“ eine Haltung verbirgt, die wortwörtlich zu nehmen ist, versteht sich fast von selbst. Außerdem ergänzt Schwind: „Bei uns kaufen alle ein. Der Porschefahrer und der Öko-Öko. Auch wenn unser Brot hochpreisiger ist, kann es sich jeder leisten. Vielleicht nicht ständig, wenn man sparen muss. Aber zum Glück ist Brot kein Luxusartikel, und ich kann mich grundsätzlich für ein gutes Produkt entscheiden, wenn es mir wichtig ist.“

Hauptdarsteller neben unserem Experten sind an diesem Abend: Achtpfündiges Sauerteigbrot (Bäckerei Lutz / Kleinlinden), Vollkornbrot (ZEIT FÜR BROT / Frankfurt), helles Sauerteigbrot (vor Ort gebacken vom Abendbrotforscher Jörg Wagner). Ein großes Lob gilt heute insbesondere dem Vollkornbrot, das an Saftigkeit Seinesgleichen sucht!

Leider musste Alexander Lutz, Bäckermeister aus Kleinlinden, der an diesem Abend ebenfalls als Experte geladen war, kurzfristig absagen. Sehr bedauerlich! Das Sauerteigbrot aus seiner Backstube hat trotzdem vortrefflich geschmeckt und ihn vertreten.

Die Abendbrotforscher danken der Petersgemeinde und Pfarrer Andreas Hoffmann für die Gastfreundschaft und Björn Schwind für das angenehme, unaufgeregte Gespräch und die Einblicke in modernes Bäckerhandwerk im städtischen Kontext.

Den Kongressteilnehmern auf den Mund geschaut:

„Ich bin eigentlich ein Langschläfer und froh, inzwischen nicht mehr jeden Morgen früh raus zu müssen. So gerne ich in der Backstube bin, ich muss es zum Glück nicht mehr täglich sein.“ (B.Sch.)

„Heute ist das Brot oft schon trocken, kaum dass man es gekauft hat. Vom Geschmack ganz abgesehen.“ (T.H.)

 „Brot war bei uns früher etwas ganz Besonderes. Es wurde bekreuzigt, bevor es angeschnitten wurde. Brot wegzuschmeißen, war ein Frevel. Überhaupt altes Brot zu haben, hieß aber auch, dass man grundsätzlich GENUG Brot hatte. Eben genug, dass es überhaupt alt werden konnte.“ (C.G.)

„Ich bin ein Impulskäufer. Wenn mich ein Brot anlacht, kaufe ich‘s und esse es am liebsten auch gleich auf.“ (T.H.)

„Das helle Sauerteigbrot ist sehr gut geworden. Es ist schön speckig!“ (B.SCH.)

„Alle kennen die Disziplin, die früher am Abendbrottisch herrschte. Es gab schon frisches, wohlduftendes Brot, das aber noch nicht angeschnitten werden durfte. Erst mussten die alten Brotreste aufgegessen werden.“ (J.W.)

„In Frankreich müssen die Bäckereien gekennzeichnet sein und ausweisen, ob sie selbst Baguette backen oder es nur lagern. Wer nicht vor Ort bäckt, darf sich nicht boulangerie nennen.“ (T.V.)

„Ja, für meine Einkäufe brauche ich Zeit. Diesen Käse gibt es in einem sehr guten Käseladen in Gießen, die Wurst wieder in einem anderen. Auch für Obst und Gemüse habe ich meinen speziellen vertrauenswürdigen Dealer. Das Besorgen von guten Lebensmitteln fordert Wege und braucht Zeit.“ (J.W.)

Kategorie: Abendbrotkongress, Allgemein Kommentieren »


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