Kategorie: Allgemein


Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 22. August 2012, Rheinsprung

24. August 2012 - 02:05 Uhr

22. August 2012, ABENDBROTTISCH am Rheinsprung 18

Für unsere letzte Abendbrotintervention im öffentlichen Raum in Basel haben wir uns einen Platz in unmittelbarer Nähe zu unserem Domizil in der Altstadt ausgesucht. Eine schmale Gasse weitet sich zu einer Terrassensituation und gibt den Blick auf den Rhein und die Mittlere Brücke frei. Auffällig ist hier eine große, quadratische Teerfläche, die auf das Pflaster gelegt ist. Wahrscheinlich eine temporäre Ausbesserungsmaßnahme. Uns ist sie willkommen, denn sie bietet unserem Abendbrottisch eine fast bühnenartige, auf jeden Fall herausgehobene Situation.

Berufstätige eiligen Schrittes sowie Touristen, die zum Ausblick auf den Rhein kurz an der Mauer verweilen, passieren unseren Tisch. Besonders auffällig sind die vielen Radfahrer, die sich die steile Straße herauf kämpfen oder flott in die andere Richtung herunterfahren. Auch Jogger in großen Gruppen eilen schwitzend und schmunzelnd an unserem Aufsteller vorbei.

Café complet? Noch nie gehört! Wir kommen allerdings auch aus Deutschland, leben und arbeiten aber hier. Ich bin mit einem Schweizer verheiratet. Komisch, dass mir der Begriff noch nie begegnet ist. Ich werde meinen Mann gleich heute Abend mal interviewen, was er damit verbindet.“ (Junge Frau in Begleitung einer Freundin)

„Ich komme aus der Westschweiz – aus Lausanne – da ist das Café complet nicht so verbreitet, aber ich kenne es und esse abends oft kalt. Heute werde ich im Zug essen, da ich noch nicht einmal zum Mittagessen gekommen bin. Ich bin Student und arbeite gerade in  einer Firma in Lörrach. Wenn ihr sehen wollt, wie mein Nachtessen heute aussieht (breitet seinen Einkauf auf unserem Tisch aus) – Brot, Käse und Nektarinen wird es heute geben. Das ist eigentlich ein typisches Essen für mich. Das Leben in der Schweiz ist teuer und ich bemühe mich, preiswert einzukaufen (legt auch den Bon auf den Tisch zu seinem Einkaufsstillleben).“ (Junger Mann mit großer Tasche)

„Ich weiß nicht, was ein Café complet ist, aber eure Wurst kenne ich. Das ist >Ahle Worscht<, oder? Ich komme aus Kassel, dort gibt es diese hessische Wurst auch. Ja, eure ist sehr lecker. Mit meiner Mutter hat es einmal ein Missverständnis gegeben, als wir uns zum Essengehen verabredet haben. Klar war, dass wir uns zu einer warmen Mahlzeit verabredet haben, über die Uhrzeit haben wir nicht gesprochen. Als ich abends kam, um sie abzuholen (ich esse immer abends warm), war sie tödlich beleidigt, denn sie hat ab mittags auf mich gewartet. Für sie war ganz natürlich die warme Mahlzeit mit dem Mittagessen gleichgesetzt. Abends gab es bei ihr klassisch Abendbrot, pünktlich um 19 Uhr. Warum meine Mutter sauer war, habe ich erst viel später erfahren. Ich dachte damals, weil ich mich um einige Minuten verspätet habe…“ (Ältere Dame, die für einige Tage in Basel ist und gerade aus der Jeff Koons Ausstellung kam.)

Café complet? Das ist doch ganz klar! Das ist das, was wir daheim haben: Kaffee, Konfi, Käse, Gschwellti.“ (Ruft uns ein Mann mittleren Alters im Vorbeigehen zu und zählt die Zutaten wie einen Abzählreim auf.)

„Na klar, kennen wir den Café complet. Wir sind Deutsche, die hier im Grenzgebiet wohnen. Ob wir den für uns auch machen? Nein, das ist ganz klar eine Schweizer Sache. Wir würden nie abends Kaffee trinken. Wir trinken unseren Kaffee immer schon direkt nach dem Mittagessen. Wichtig ist uns dabei, dass er aus einem Glas getrunken wird. Seit ich denken kann, gab es bei uns nach dem Mittagessen einen Kaffee und diesen immer aus Gläsern, die an einfache Weingläser erinnern. Nach dem Krieg hat mein Vater seinen Kaffee mittags immer mit einem Kirschwasser darin getrunken. Ich glaube, der Café complet spielt hier eine Rolle, weil die Schweizer einfach sehr gerne und viel Kaffee trinken. Die machen ja auch einfach einen verdammt guten. Wenn man sich in der Schweiz auf etwas verlassen kann, dann auf den Kaffee und die sauberen, guten Betten.“ (Älteres Ehepaar)

„Ich kenne mich mit dem Café complet nicht aus. Mit Abendessen aber schon – da bin ich sehr flexibel und esse sehr unterschiedlich, in der Regel, was eben da ist. Zurzeit bin ich wieder länger mit dem Fahrrad unterwegs – ich komme gerade aus Norwegen – da esse ich abends vor meinem Zelt meistens kalt. Das beste und reichlichste Abendessen habe ich in Georgien im Kaukasus kennengelernt, da wird man so gastfreundschaftlich und gut bewirtet, dass man kaum dagegen anessen kann.“

(Mann mittleren Alters aus Bayern, der mit dem Fahrrad bei uns anhält. Als Weltenbummler hat er in den vergangenen 12 Jahren den gesamten Globus mit dem Rad umrundet und war jeweils mehrere Monate am Stück unterwegs. Er berichtet uns von seinen Reisen, den vor Ort gemachten Erfahrungen und wie sich sein Beruf als Werkzeugmacher mit den Langzeitreisen in Verbindung bringen lässt. „Ich finde es viel verrückter jeden Tag zur Arbeit zu gehen, als das, was ich mache.“ Uns verspricht er ein spezielles Abendbrotfoto von einer seiner Reisen.)

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Stadt(t)räume – Programm

20. August 2012 - 10:55 Uhr

Stadt(t)räume
Ein Projekt von Susanne Schär & Peter Spillmann und Janine Schmutz.

Event #01
24. – 26. August 2012

Vernissage: Freitag, 24. August 2012 . 19 Uhr
Ausstellung: 25./26. August 2012 . 14-19 Uhr

Maria Ångermann / FIN
Nicolas Carrier / F
Urs Aeschbach / CH
Merrick Belyea / AUS
Jan Torpus / CH
Ingke Günther & Jörg Wagner / D

Zum Kleinen Markgräflerhof
Augustinergasse 17 . Basel / CH

http://project.supe.ch

. . . . . . . . . .

 

Programm: Details – Event #01

Inke Günther & Jörg Wagner – Feldforschung Abendbrot
. „Café complet“ – Aktion und Installation
.
. Freitag, 24. August: Vernissage ab 19 Uhr
. Aktion – „Café complet en miniature“, Kleines Nachtessen für alle.
. Samstag, 25. und Sonntag, 26. August 2012 . 14-19 Uhr
. Ausstellung – das „Café complet“ ist als Installation begehbar.
. Sonntag, 26. August . ab 17 bis 19 Uhr
. Aktion – „Geschlossene Gesellschaft“.

Jan Torpus – lifeClipper3
. Augmented Reality-Spaziergänge im St. Johannspark, Basel
.
. Samstag, 25. und Sonntag, 26 August
. Spaziergänge – jeweils ab 14 bis ca.18 Uhr im St. Johannspark
. Anmeldung während der Vernissage.

. mehr Informationen unter http://project.supe.ch

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Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: Samstag, 11. August, 20 Uhr, Privat zu Gast

20. August 2012 - 10:51 Uhr

Samstag, 11. August, 20 Uhr,  Privat zu Gast im Wirtshaus Lallekönig

Nachdem wir die Abendbrotstation am Wettsteinplatz abgebaut haben, packen wir erneut unser Gastgeschenk, den hessischen Handkäs, ein und laufen zum Lallekönig, der unweit unseres Domizils, dem Kleinen Markgräflerhof, liegt. Hier werden wir von Barbara, der Wirtsfrau, begrüßt, die auf den einzigen eingedeckten Tisch im Lokal verweist. „Wir haben da was vorbereitet.“ Kaffeetassen stehen neben den Tellern bereit, die gleich darauf mit schwarzem Kaffee und warmer Milch gefüllt werden. Der Kaffee ist nicht zu stark und sehr lecker. Kurz darauf folgen die Gschwellti – Barbaras Kindheitserinnerung – unter einer Serviette zum Warmhalten verborgen. Dazu serviert sie uns einen Teller mit Butter umringt von zweierlei Hartkäse. Das schlichte Essen schmeckt uns äußerst gut, gegen die Menge können wir allerdings nicht ganz anessen. Barbara erläutert uns, das der Begriff „Gschwellti“ von „geschwellt“ = „gekocht“ kommt. Geschwellt werden aber keine Nudeln, geschwellt werden nur Kartoffeln, erklärt sie auf unsere Nachfrage. Die Kinderspeise ihrer eigenen Kinder sei Griespudding mit Apfelmus gewesen, dass habe es abends häufig gegeben. Mit einer Süßspeise abgerundet wird auch unser Nachtessen: wir bekommen eine lauwarme, köstliche Apfel-Aprikosen-Wähe. Sehr fein – wobei wir nach den mächtigen Gschwellti ziemlich kämpfen müssen. Zum Abschluss kosten wir von einer der vielen Basler Biersorten auf die Barbaras Wirtschaft spezialisiert ist.

Wir danken Barbara für die großzügige private Einladung in ihr Lokal, die sie neben dem normalen Gasthausbetrieb gehändelt hat. Die Verpflegung war ganz hervorragenden und ein bisschen „wie bei Muttern“!

 

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Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 11. August 2012, Wettsteinplatz

20. August 2012 - 10:50 Uhr

11. August 2012, Wettsteinplatz  

Auf dem neu gestalteten Wettsteinplatz richten wir unseren Abendbrottisch im Schatten eines aufgelassenen Kiosks ein. In Interwallen gesellen sich um uns herum immer wieder Menschentrauben, die auf die Ankunft von Tram oder Bus warten. Die Taktung der Abfahrtszeiten regelt häufig die Verweil- und Gesprächsdauer und unterbricht den Dialog amüsant-abrupt. Doch einige Café-complet-Experten vergessen die Zeit und entscheiden sich bewusst dazu, den nächsten Bus zu nehmen, um ausgiebig mit uns zu plaudern.

„Heute hatten wir schon unseren Café complet, da wir jetzt noch in den Park gehen. Normalerweise nehmen wir um 18 Uhr unser Nachtessen ein, das eigentlich immer ein Café complet ist. Und ja, wir nennen das auch so, denn wir kommen vom Land. Inzwischen, wir sind ja nicht mehr die Jüngsten, haben wir den Kaffee gegen Tee eingetauscht. Früher gab es auch häufig Reste vom Mittag zum kalten Nachtessen dazu. Heute koche ich mittags weniger für mich und meinen Mann und es bleibt nichts mehr übrig. Mein Mann ist 89 Jahre alt und – schauen Sie ihn an – mein Essen und Café complet haben ihn fit gehalten. Als ich Kind war, gab es jeden Tag Rösti zum Café complet und einmal in der Woche Gschwellti.“ (Älteres Ehepaar; sie erzählt ausgiebig, nachdem sie zu Beginn des Gesprächs noch meint, sie wisse nicht, was Café complet sei. Dies lag aber nur an unserer falschen Aussprache…)

„Ja, vor allem im Spital ist das Café complet noch ein Begriff. Dort wird es jeden Sonntag gemacht. Es ist wendig aufwendig und gut vorzubereiten für die Küche.“  (Ältere Dame)

„Was? Café complet? Kenn ich nicht!“, er. Sie: „Doch – das kennst du. Das ist eine Brotzeit. Mit Kaffee? Nein, für mich ohne Kaffee.“            (Junges Paar mit zwei Kindern)

„Ein Café complet wird mit Filterkaffee gemacht und mit warmer Milch serviert. Zum Frühstück gibt es dann ein Hörnchen zum Eintunken dazu. Eine andere Variante ist die mit Brot, Butter und Konfi. – Ja, als Abendbrot gibt und gab es das auch, aber in meiner Familie haben wir das nicht gemacht. Ich glaube der Begriff kommt ursprünglich aus der französischsprachigen Schweiz.“                    (Ältere, sehr elegante Dame)

Café complet? Das ist ja lustig – meine Tochter und ich haben kürzlich gesagt, wenn wir mal ein Café aufmachen sollten, dann muss es Café complet heißen, denn wir essen das gerne am Abend. Wir kommen nicht von hier, sondern sind aus Graubünden, da ist es, glaube ich, noch üblicher.“   (Junge Mutter mit drei Kindern – die große Tochter freut sich tierisch darüber, auf unserem Plakat einen Café complet zu entdecken)

„Ob es DER oder DAS Café complet heißt? DER Café complet heißt es amtssprachlich und das sagt man wohl eher im Dialekt.“            (Susanne)

Café complet ist in der Schweiz so beliebt, weil der Schweizer eben gerne Kaffee trinkt. Hier gibt es einfach auch guten Kaffee. Der Kaffee in Deutschland schmeckt mir zum Beispiel nicht. Morgens esse ich in der Regel ein Bircher Müsli und abends ein Stück Brot, dann auch gerne einen Kaffee dazu – ich habe kein Problem mit dem Schlafen. Aus der Kindheit hat sich eine Abendbrotgeschichte besonders eingeprägt: Meine Mutter hat früher als Nachtessen häufig Griespudding gekocht. Der kam dann in der Form zum Auskühlen in ein Wasserbad; oft schwamm er dann im Badezimmerwaschbecken. Eines Tages – ich war ein kleines Mädchen und musste auf die Toilette – hat es mich sehr gereizt, den im Becken dümpelnden Pudding anzuschubsen. Einmal, zweimal, bis natürlich Wasser reinschwappte. Zur Strafe musste ich dann ins Bett. – Nein, nicht ohne Essen, ich musste den wässrigen Griespudding aufessen während mein Vater mit strenger Miene daneben saß.“   (Ältere Dame, die länger mit uns redet und mehrere Busse verpasst)

„Für mich steht der Begriff >Abendessen< für eine kalte Mahlzeit, wie der Café complet und ein >Nachtessen< ist warm. Ich bin ein Bauernsohn und meine Mutter hat immer eine ganz spezielle Kaffeemischung in einem großen Topf angerührt: Bohnenkaffe, Getreidekaffee, Zichorie und dunkler, gerösteter Zucker – den gab es in so blauen, abgepackten Würfeln – wurden vermischt. Dazu gab es natürlich warme Milch. Dieser Kaffee wurde dann auch in großen Behältnissen aufs Feld gebracht.“ (Mann mittleren Alters mit Tochter; als seine Frau dazu stößt, werden wir spontan zum Abendessen eingeladen)

 

 

 

 

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Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: Freitag, 10. August 2012, 19.30 Uhr, zu Gast bei Danielle und Christian

20. August 2012 - 10:48 Uhr

Freitag, 10. August 2012, 19.30 Uhr, zu Gast bei Danielle und Christian

Nach Danielles ungemein spontaner und freundlicher Einladung packen wir, nachdem wir unsere Abendbrotsituation an der Straßenecke aufgelöst haben, unser Gastgeschenk ein – im Weckglas eingelegter „Handkäs“ – und fahren mit der Tram nach Kleinbasel. Mit Säugling auf dem Arm und Linus, dem bald dreijährigem Sohn, an der Seite begrüßt Danielle uns zu einem „einfachen und improvisierten“ Nachtessen am bereits gedeckten Tisch.

Als Christian, ihr Mann, wenige Minuten später von der Arbeit eintrifft, essen wir gemeinsam zu Abend. Wir bekommen (natürlich!) Kaffee und kosten von der leckeren Konfi von Danielles Mutter – Johannisbeer-Marmelade mit ganzen Früchten – sehr lecker! Danielle berichtet, dass in ihrem Bekanntenkreis eigentlich mehr Leute kalt zum Abend essen als warm und dass eine besondere Kindheitserinnerung  „Fotzelschnitten“ (schweizerisch für „Arme Ritter“) und „Griesmus mit Früchten“ als Nachtessen sei. „Wärt ihr letzte Woche zu Gast gewesen, dann hätte ich ein bisschen mehr Vorbereitungszeit gehabt und hätte wohl eine dieser Speisen zubereitet.“ Wir freuen uns aber auch über dieses Nachtessen mitten im Alltagsleben, sprechen über deutsche und schweizer Besonderheiten in Politik und Leben und schauen Linus beim Holzeisenbahnbau zu. Danielle erzählt uns außerdem, wie sie das Bircher Müsli gerne mag und dass schon ihre Mutter es in dieser schlichten Weise angerührt habe: Flocken in Milch einweichen, etwas Joghurt und Beeren dazu – fertig. Besonders freut uns, dass unser kulinarisches Gastgeschenk gut ankommt. Christian ist ganz begeistert von dem ungewöhnlichen Käse, „der gar nicht wie ein Käse aussieht.“ Nach dem Essen verlassen wir die sympathische Familie, da es Zeit wird, die Kinder zu Bett zu bringen.

Wir danken Danielle und Christian für die nette Einladung und unkomplizierte Gastfreundschaft und sind beeindruckt, wie entspannt sie sich gleichzeitig völlig fremden Gästen und ihren kleinen Kindern gewidmet haben.

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Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 10. August 2012, Ecke Spitalstraße

20. August 2012 - 10:46 Uhr

10. August 2012, Ecke Spitalstraße

Nach zwei Tagen am Rheinufer wechseln wir den Ort und richten unseren Abendbrottisch auf einer großflächigen Straßenecke in unmittelbarer Nähe zum Universitätsspital ein. Hier sind wir schon von weitem sichtbar und auch der vorbeirauschende Verkehr wird auf uns aufmerksam. Bus-,  Auto- und Velofahrer grüßen amüsiert. Wir ernten Schmunzeln, ungläubige und interessierte Blicke oder werden gar nicht erst wahrgenommen, obwohl wir sehr prominent – fast wie auf einer Bühne – die Straßenecke bespielen. Viel höher als am Rhein ist hier das Schritttempo der Vorbeieilenden. Man schlendert nicht, sondern eilt geschäftig vorbei. Ein Passant möchte unsere Wurst kaufen; nur wenige Menschen können wir dazu bewegen, an unserem Abendbrottisch zu verweilen. Diese Begegnungen sind dann aber intensiv und eine endet mit einer Einladung zum Nachtmahl noch für den heutigen Abend.

„Café complet? Das kenne ich nicht. Was soll das sein?“ (fragt Risto K., der seit 30 Jahren in der Schweiz lebt und ursprünglich aus Finnland kommt. Obwohl er uns mit dem Café complet nicht weiterhelfen kann und auch unser Wurstbrot ablehnen muss, weil er kein Fleisch isst, sprechen wir lange und ausgiebig über Essgewohnheiten, kulturelle Gepflogenheiten, Erziehung und natürlich über „Luonas“ –  so heißt das Abendbrot auf Finnischen. Nach dieser wirklich sehr netten Begegnung bleibt vor allem eine Abendbrotgeschichte haften, die Risto zum Besten gibt: Als Vater habe er großen Wert darauf gelegt, seine Kinder ohne Spielzeugwaffen aufwachsen zu lassen. Insbesondere sein Sohn sei damit aber ganz und gar nicht einverstanden gewesen. Eines Tages beim Nachtessen habe der Sohn intensiv an einem großen, kreisrunden, finnischen Knäckebrot genagt. Plötzlich habe er dem Vater das entstandene Knabbergebilde strahlend unter die Nase gehalten: „Schau mal, ein Gewehr.“ Heute trage der Sohn täglich eine Waffe – als Polizist der Basler Polizei…)

„Ja, mit dem Café complet kenne ich mich aus – das gab es bei uns früher täglich. Als Kind habe ich allerdings Kakao statt Kaffee bekommen. Auch heute essen wir abends in der Regel kalt, aber Café complet sagen wir dazu nicht mehr. Was das frühere Nachtessen vom heutigen unterscheidet, ist wohl, dass man nicht mehr das Brot in den Kaffee tunkt.“   (Junge Mutter mit Säugling und Kleinkind, die uns spontan zum Nachtessen einlädt. Das freut uns sehr, sind wir doch am Tag zuvor eingeladen und dann – aus terminlichen Gründen – wieder ausgeladen worden sind. „Ich habe keine Zeit mehr, etwas Besonderes vorzubereiten – es wird ein alltägliches Nachtessen.“ Genau das ist es, was wir uns wünschen!)

 

 

 

 

 

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Auf der Suche nach dem Schweizer Nachtessen Café complet: 8. & 9. August 2012

20. August 2012 - 10:44 Uhr

Oberer Rheinweg auf der Höhe der Hausnummer 63

Bei schönstem Sommerwetter haben wir uns am Rheinufer der Kleinbaseler Seite mit unserem Abendbrottisch eingerichtet. Ein gedeckter Tisch mit hessischer Wurst und dunklem Brot lädt zum Verweilen ein und zieht neugierige Blicke auf sich. Es herrscht hohes Fußgänger- und Fahrradfahreraufkommen. Menschen auf dem Heimweg mischen sich mit Touristen, Spaziergängern und Rheinschwimmern. Letztere prägen die Atmosphäre, die eher einem Strand als einer großstädtischen Uferpromenade gleicht. Flaneure/innen in Badehose und Bikini überwiegen, was sie aber nicht davon abhält, an unseren Abendbrottisch heranzutreten oder Platz zu nehmen. Mit ihnen kommen wir ins Gespräch über das traditionelle Nachtessen in der Schweiz.

Wir möchten wissen, ob es den Café complet als aktuelle kulturelle Praxis überhaupt noch gibt, welche persönlichen Erinnerungen damit verbunden sind und was zu einem richtigen Café complet unbedingt dazugehört. Außerdem möchten wir natürlich gerne zu einem Basler Nachtessen, am besten einem Café complet, eingeladen werden…

Die folgenden Zitate verstehen sich als sinngemäße Zusammenfassungen der Gespräche. Wir geben hier nur die wieder, aus denen sich keine inhaltlichen Wiederholungen ergeben.

„Ja, Café complet gibt es natürlich noch. Aber sicher nicht mehr flächendeckend. In Altersheimen ist es aber nach wie vor sehr beliebt!“ (Älterer Passant in Badehosen)

„Café complet gab es früher jeden Tag – und ich fand das prima. Da wurde ein großer Krug mit dünnem Kaffee gekocht, der immer wieder aufgewärmt wurde. Dazu gab es Brot, Konfi, Käse und oft die Reste vom Mittag dazu. Ich denke, den Kaffee gab es vor allem, um das Brot darin einzutunken. Ich bedaure sehr, dass es das heute bei uns nicht mehr gibt. Meine Frau ist Italienerin und schätzt Café complet gar nicht. Heute würde ich, wenn man mich ließe, drei Mal am Tag Bircher Müsli als Café complet essen.“ (Ein weiterer Passant in Badehosen)

„Ich arbeite im Spital. Da gibt es einmal in der Woche Café complet zur Auswahl auf der Karte. Auch wir Beschäftigten im Krankenhaus essen es dann gerne.“ (Junge Frau im Schwimmdress, die sich mit dem Kommentar: „Sau guat, die Wurst“, verabschiedet.)

„Café complet war in der armen Zeit das Essen zum Abend. In der Regel gab es Käse zum Kaffee, denn Wurst war zu teuer. Heute existiert das Café complet auch noch, es ist im Wohlstand nur aufwendiger geworden und es gibt von allem mehr. Für mich heißt Café complet: >Kaffee, der komplettiert wird< – eigentlich egal mit was. Ich persönlich mache mir sehr gerne Rösti dazu.“ (Ältere Herr nebst Gattin, der lange mit uns redet und vom Nachtmahl zur Politik kommt und feststellt, dass es nur in der Schweiz echte Demokratie gibt.)

„Für mich gehört unbedingt Bircher Müsli zum Café complet. Am liebsten mag ich es mit acht Anteilen geriebenen Äpfeln auf einen Teil Getreideflocken. Bei uns gibt es allerdings ein deutsches Abendbrot, da ich mit einem Deutschen verheiratet bin.“                                                                                                                                                                                                                                              „Und ich glaube, dass eigentlich noch nicht einmal unbedingt Kaffee dazugehört. Café complet steht für das kalte Nachtessen. Brot und Butter gehören auf jeden Fall dazu. Alles andere ist variabel.“ (Zwei junge Frauen mit Kinderwagen)

„Bis zu meinem 12. Geburtstag gab es Café complet mit Brot, Butter und Käse. Als Käse hat meine Mutter immer Emmentaler zum Nachtessen serviert, den ich bis zum heutigen Tag überhaupt nicht mag. Bei uns gibt es jetzt oft Salat am Abend – ich mache dann zwei bis drei verschiedene.“ (Roland)

„Für mich gehört zu einem traditionellen Café complet unbedingt Konfi dazu. Früher gab es Kaffee, Butter und Konfi, vielleicht auch noch Käse. Das, was die Leute eben hatten. Aber Konfi war unbedingt dabei, denn Früchte zum Einkochen hatten die Leute immer – das war preiswert und Café complet war ja eher ein armes Essen. Bei uns zu Hause gab es früher oft Gschwellti (Pellkartoffeln, Butter, Käse) zum Nachtessen – auch ein schlichtes Essen.“ (Barbara vom Wirtshaus Lallekönig, die uns zu einem Nachtessen in ihr Lokal einlädt, da sie abends immer arbeiten muss. Extra für uns möchte sie am kommenden Samstag Gschwellti servieren, das nicht auf der Karte steht, aber das Nachtessen ihrer Kindertage ist.)

„Café complet steht schlicht für einen Kaffee, der komplettiert wird, und den man zum Abend einnimmt. Mit was, ist persönliche Vorliebe.“ „Café complet steht für eine alte Tradition: man aß, was da war. Zum Milchkaffee gab es Brot, Butter und Konfi. Vielleicht noch Käse oder Wurst, wenn man zum Beispiel Tiere hatte. Das Café complet gibt es heute noch, es ist nur üppiger geworden. Inzwischen wird der Begriff aber auch für ein Frühstück verwendet. Ich glaube, dass in der Innerschweiz das traditionelle Café complet am Abend noch mehr vorkommt als hier in Basel.“ (Ein Paar in Begleitung von fünf Kindern)

„Bei mir gibt es JEDEN Abend Café complet, denn mittags kann ich nach Hause gehen, um warm zu essen, was ja sehr selten geworden ist. Inzwischen lasse ich aber den Kaffee weg und trinke eine Schorle dazu, damit ich nachts besser schlafen kann.“ (Älterer Passant in Badehose in Begleitung seiner Stieftochter)

„Vor sechzig Jahren gab es bei meiner Mutter immer nach der frischen Obsternte Café complet. Dann mussten die restlichen Konfi-Gläser vom Vorjahr aufgegessen werden. Heute kennt man den Begriff Café complet wohl vor allem aus der Gastronomie. Da steht er inzwischen für ein Frühstück – eben mit Kaffee, Brot, Konfi, Käse und je nach Aufwand auch mit mehr dazu. Früher war das wirklich ein einfaches Nachtessen. Aber nicht mehr viele Schweizer essen abends kalt.“ (Hans)

„Bei uns zu Hause gab es das Café complet immer montags. Da war Waschtag. Dann hatte meine Mutter genug zu tun und abends wollte sie nichts Aufwendiges mehr machen. Auch heute mache ich mir noch ein Café complet, wenn ich nur noch ein bisschen was am Abend essen möchte. Für mich ist Café complet: >Man isst, was noch das ist<.“  (Renate)

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Stadt(t)räume

8. August 2012 - 12:03 Uhr

Die Abendbrotforscher fragen in BASEL nach der Praxis des „Café complet“. Mit ihrem mobilen Abendbrottisch ziehen sie durch den Stadtraum, bieten ein einfaches deutsches Wurstbrot an und möchten mit Passanten über das Nachtessen ins Gespräch kommen. Im besten Falle werden zu einem „Café complet“ nach Hause eingeladen…

Anzutreffen sind sie:

am 8.8.2012 und 9.8.2012 von 17 bis 19 Uhr am Oberen Rheinweg 63,

am 10.8.2012 von 17 bis 19 Uhr Ecke Spitalstraße/Totentanz,

am 11.8.2012 von 17 bis 19 Uhr am Wettsteinplatz in Basel.

am 22.8.2012 von 17 bis 19 Uhr am Rheinsprung 18 in Basel.

 

Das Projekt findet statt im Rahmen von „Stad(t)räume“ und mündet dort in einer Aktion/Installation.

Zur Stadt(t)räume Website  http://supe.ch/doc/index.php?id=190

 

 

 

 

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Deckt für uns den ABENDBROTtisch!

26. März 2012 - 11:47 Uhr

FELDFORSCHUNG ABENDBROT hat bislang nach der alltagskulturellen Wirklichkeit des ABENDBROTs gefragt und dabei den unterschiedlichen Gewohnheiten, persönlichen Vorlieben, Kindheitserinnerungen, ästhetischen, regionalen wie familiären Prägungen nachgespürt. Mit dem ABENDBROT, einer deutschen Spezialität  – kalt, brotbasiert, komponentenreich, deftig und lecker – verbinden wir zwar vielfältige Erinnerungen, aber nicht mehr unbedingt die tägliche Erfahrung. Veränderte Lebensbedingungen und Essgewohnheiten haben dazu geführt, dass das Brot und seine belegenden Begleiter die kulinarische Hauptrolle am Abend – pünktlich um 18 Uhr! – eingebüßt haben. FELDFORSCHUNG ABENDBROT liegt das ABENDBROT jedoch im besonderen Maße am Herzen! Ist doch der zu deckende Tisch ein Gestaltungsraum mit schier unendlichen inhaltlichen, materiellen wie kompositorischen Möglichkeiten.

Zur forcierten ästhetischen Belebung der ABENDBROTkultur möchten wir nun einen neuen Vorstoß machen und bitten dazu um die Hilfe unserer Künstlerkolleginnen und -kollegen.

Wir wünschen uns von Euch einen künstlerischen Vorschlag für einen gedeckten ABENDBROTtisch. Ob Fotografien, Collagen, Zeichnungen oder andere sinnfällige, bildhaften Äußerungen – wir freuen uns auf Eure Einreichungen, die wir auf www.abendbrotforschung.net veröffentlichen werden.

Der Einsendeschluss ist verlängert bis zum 31.12.2012.

Einsendungen bitte an mail@abendbrotforschung.net oder Postanschrift (Günther & Wagner, Kaiserstraße 11,35398 Gießen) schicken.

Es grüßen und danken die Abendbrotforscher

Erste Einsendungen:

Bierflaschen 91 und Schnitten 91 – Oliver Gather

FarbeEssen – Sophie Dobrigkeit

abendbrot-potsdam – Martin Pfahler

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WG im Malkasten

5. März 2012 - 10:47 Uhr

wg/3zi/k/bar

ein haus fuer kuenstlerInnen.gaeste.freunde

do. 08.03.2012, ab 20.00 uhr

grande finale

bibliothek: Volker Lang „Hinter der Landschaft“

wohnen: Stefan Saffer „Aus Schirnaidel“

kueche: Jörg Wagner, Ingke Günther „Feldforschung Abendbrot“

gaestezimmer: Fritz Balthaus: „Lassenmüssen“

bar: j.b’s bar

Liebe Freundinnen und Freunde der WG!

Nach nahezu 9 Jahren öffnet die WG am nächsten Donnerstag zum letzten mal ihre Türen. In 86 Verantstaltungen haben seit 2003 mehr als 350 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt uns das gezeigt, was sie an Kunst und ausser ihr sonst noch interessiert, Kuratorinnen und Kuratorenuns bekocht und Tausende von Gästen das beste Publikum der Welt gegeben. Ihr wisst- man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist. Auf der Höhe der WG sagen wir euch allen den größten Dank für die wunderbare Zeit, die phantastischen Beiträge, die engagierten Gespräche, die schrägen Ideen, die spannenden Arbeiten und die lockeren Abende unter Freunden! Wir freuen uns, wenn ihr alle zum Finale kommt! Birgit & Markus

die wg : jeden 2ten donnerstag im monat malkasten.duesseldorf.jacobihaus kuenstlerverein malkasten.jacobistr .6a.40211 duesseldorf.0211.356471 aktuelles programm.info: www.wg3zikb.de programm.ausfuehrung: markus ambach.birgit jensen

die wg im malkasten- ein offenes haus fuer kuenstlerInnen.gaeste.freunde wann: jeden 2. donnerstag im monat wo: malkasten.duesseldorf.jacobihaus was: treffen.talken in 5 zimmern: wohnen/tv: video.filmprogramm.tv bibliothek: lesung.vortrag.news gaestezimmer: gaeste.bilder.diskussion kueche: wer kocht was.plattenkueche bar: trinken.treffen.talk in j.b’s bar

info@wg3zikb.de

 

 

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Café complet

16. Januar 2012 - 18:09 Uhr

Café complet: so soll es aussehen, das traditionelle Abendbrot (Nachtessen) der Schweizer.

Brot mit Butter, Käse und Konfi – dazu Milchkaffee.

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Abendbrot der Woche

24. Dezember 2011 - 13:18 Uhr

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ABENDBROTFORSCHUNG:ENDSTÜCK – historisches museum frankfurt III

13. Juli 2011 - 15:01 Uhr

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ABENDBROTFORSCHUNG:ENDSTÜCK – historisches museum frankfurt II

11. Mai 2011 - 23:28 Uhr

Die Fotos wurden uns vom historisches museum frankfurt zur Verfügung gestellt (Bildrechte historisches museum frankfurt – Fotograf Uwe Dettmar)

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ABENDBROTFORSCHUNG:ENDSTÜCK – historisches museum frankfurt I

11. Mai 2011 - 23:19 Uhr

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ABENDBROTFORSCHUNG:ENDSTÜCK

28. April 2011 - 15:44 Uhr

Ingke Günther & Jörg Wagner im historischen museum frankfurt am Samstag, 7. Mai 2011, 19 bis 21 Uhr

Im Rahmen der „Abrissparty“ des historischen museums frankfurt bereiten Ingke Günther und Jörg Wagner ein finales Abendbrot, das um den Knust, das Krüstchen, den Kanten – also das ENDSTÜCK des Brotes – kreist.
Das am Abendbrottisch oft begehrte, knusprig-buckelige Brotende setzen sie in den Fokus einer Installation, die von ihnen und ihren Gästen bespielt wird. Günther und Wagner laden in den ausgeräumten Sichtbetonbau des Museums zu einer temporären Abendbrotwirtschaft ein. Bei Brot, Butter und Milch befragen sie das alltagskulturelle Phänomen des Abendbrots, erkundigen sich nach familieneigenen Gewohnheiten und -ritualen, nach persönlichen Erinnerungen und regionalen Abendbrotspezialitäten. Außerdem sammeln sie Bezeichnungen für das ENDSTÜCK des Brotes, die fast zahllos zu sein scheinen. In ihren dialektischen Ausprägungen, zumeist liebevoll-charmante Wortschöpfungen, verweisen die unterschiedlichen Knust-Worte auf die heimatlichen Abendbrottische ihrer Nutzer.
Mit der ABENDBROTFORSCHUNG:ENDSTÜCK führen Günther und Wagner ihre 2009 im Münsterland im Rahmen eines Projektstipendiums begonnene FELDFORSCHUNG ABENDBROT fort. In ihrem zum Projekt erschienenen Künstlerbuch schreiben sie:
„Müsste man die Punkte, die uns am Abendbrot interessieren, kurz gefasst auf eine Butterbrottüte notieren, würde man da lesen: Das ABENDBROT ist eine deutsche Spezialität – brotbasiert, kalt, komponentenreich, deftig und lecker. Der Hauptdarsteller Brot und seine belegenden Begleiter werfen täglich kompositorische Fragen auf. Und der Gestaltungsraum Tisch nicht weniger! Rituale werden sichtbar – wer sitzt wo und isst immer das letzte Stück Salami auf. Die Feierabendmahlzeit lässt Muße zu und stiftet Kommunikation.“
www.abendbrotforschung.net

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BROTENDE O-Töne

28. Februar 2011 - 16:35 Uhr

Erste O-Töne zum Brotende.

Hans Ast schickte uns diese beiden O-Töne:

großmutti sagt brotende auf berndeutsch 10.02.10

tante eva sagt brotende auf wienerisch 15.02.10

Von M.L. wurden wir freundlich darauf aufmerksam gemacht, dass der Knust fast Kunst sei. Wir haben recherchiert und festgestellt, dass es sich tatsächlich so verhält.
Im Folgenden der Nachweis in bildhafter Form aufgebracht mit Etikettenschrift auf Wachstischdecke.

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ABENDBROTMUSEUM – Teil 2

5. Februar 2011 - 16:44 Uhr

Das Abendbrotmuseum versammelt Gegenstände und Fotografien von Dingen, an denen Abendbroterinnerungen haften. Erinnerungen an den gedeckten Tisch aus Kindertagen, an Abendbrote bei den Großeltern, Picknickbrot-Situationen, WG-Abendessen oder Abendbrote aus der jüngsten Vergangenheit – mit den eigenen Kindern, dem Partner, Freunden oder alleine.

Gibt es noch das Lieblingsbrettchen? Welcher Gegenstand hat sich herübergerettet aus der Zeit, als sich noch alle Familienmitglieder pünktlich um 18 Uhr um den gedeckten Tisch versammelt haben. Oder welches Messer, welchen Teller oder Salzstreuer benutzt man heute am liebsten?

OVOMALTINE-ZUCKERSTREUER

Diese Versüßungshilfe haben die Abendbrotforscher als Andenken von einer Alm aus der Schweiz mitgebracht. Dort stand dieser formschöne Streuer jeden Tag auf unserem Pensionstisch. Als wir unsere Gastwirtin bei der Abreise fragten, wo wir so ein hübsches Utensil herbekommen könnten, hat sie uns das begehrte Objekt kurzerhand geschenkt. Sicherlich mag man bei einem Zuckerstreuer eher an den Frühstückstisch denken, da in unserer Kindheit aber auch oft Tee zum Abendbrot getrunken wurde (und zum Schweizer Nachtmahl „Café complet“ natürlich Kaffee gehört) ist dieser Ovomaltine-Artikel selbstredend ein nötiges Abendbrot-Utensil!“

SCHÄLCHEN-SET

Seit unserer Hochzeit, die schon weit vor unseren Tagen als Abendbrotforscher liegt, dürfen wir dieses Schälchen-Set mit dazugehörigem Tablett unser Eigen nennen. Ein Freund – stetiger Quell schöner, gestriger Geschenke für Küche oder Bücherregal – hat uns dieses Prachtexemplar der Servierkunst vermacht. Seitdem benutzen wir die Schälchen für allerlei Gürkchen-Kleinkram und freuen uns stets an den kleinen Stillleben, die nach dem Verzehr des Inhalts zum Vorschein kommen.“

EIERSCHNEIDER

Dieser Eierschneider ist eine neue, eher zufällige Errungenschaft. Erstanden haben wir ihn in Frankfurt bei einer kleinen Flohmarkt-Aktion des Cafés im Kunstverein, das an diesem Tag schloss und Teile seines Kücheninventars veräußerte. Praktisch ist die Zwei-in-eins-Funktion dieses handlichen Küchengeräts: es kann Eier vierteln aber auch die bekannten Scheibchen schneiden.

MOZZARELLA-SCHNEIDER

Diesen Mozzarella-Schneider haben wir irrtümlich für einen etwas großgeratenen Eierschneider gehalten, wurden aber flugs eines Besseren belehrt. Er stammt aus derselben Quelle wir der oben genannte Schneider. Bisher kamen wir beim Mozzarellazerlegen immer gut mit einem Messer aus. Auf seine Funktionalität wird er nun zu prüfen sein.

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Umfrage – Antworten

14. Januar 2011 - 14:31 Uhr

FELDFORSCHUNG ABENDBROT bedankt sich bei allen, die auf unsere Umfrage zum KNUST geantwortet haben!

Zahlreiche Antworten von nah und fern gingen ein – allesamt wunderbare regionale Wortschöpfungen zum Anschnitt des Brotes.

Hier möchten wir erst einmal die häufigsten Nennungen versammeln:

Vielen Dank auch für den mehrmals eingegangenen Hinweis auf den Artikel von Bastian Sick, der eine sehr umfassende Wortsammlung zum Randstück des Brotes im deutschsprachigen Raum zusammengestellt hat.

Aus unserer Umfrage möchten wir einige der zugesandten KNUST-Botschaften hier versammeln, da sie neben den liebe- und klangvollen Worten auch weiterführende Anmerkungen enthalten oder Kindheitserinnerungen und Familienrituale schildern.

„Mir bekannt: Knörzchen (Marburg), Kanten (Norddeutschland), Rest (Familie).“  (M.F.)

„Zum Knust. Es gibt ihn je Brot zweimal. Ja? Am Anfang und am Ende. Und sagt man nun „der Knust vom, beim, oder am Brot oder der Knust des Brotes“?
Als ich Kind war (1944 bis 1962), sagten wir zuhause zum Knust „Knäppchen“.
Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, meine Mutter stammte aus Duisburg aus einer Bäckerei, die meiner Großmutter damals gehörte. Ob der Begriff vielleicht von den Bergleuten den „Knappen“ stammt? Und das kleine End-/ Anfangsstück also für den Jüngsten – das Knappen-Knäppchen war? Wir fünf Geschwister haben uns meistens um das „Knäppchen“ geschlagen. Man reservierte es sich, indem man lauthals seinen Anspruch kundtat: „Heute bekomme ich das Knäppchen! Gestern hast du es gehabt.“ Wer keinen Erfolg damit hatte, wurde von den Eltern auf das Brotende – auch ein „Knäppchen“ vertröstet. Das schmeckte aber lange nicht so gut, weil trockener… Heute sagen wir hier in Hannover „Willst Du das Anfangsstück?“. Ich mag den Knust nicht mehr so gerne essen und auch als Wort nicht. Sowas kann ich kaum runterschlucken. Das „Knäppchen“ von damals war konkurrenzlos besser und schmeckte himmlisch, wenn ich es erobert hatte.“  (R.D.-B.)

„Des Scherzl is vom Brotloab. Der Bayer, und ich spreche da für das niederbayrische Idiom, sagt Scherzl. Die Schreibweise kann subdialektal davon abweichen. Gerne wird das eigentliche Scherzl oder auch Scherzal zu Scherzerl transkribiert. Davon rate ich ab, denn es gemahnt zu sehr an den Scherz des hochsprachlichen Deutsch hannoveranischer Herkunft. Dabei – ganz im Gegensatz zu der den Bayern unterstellten Engstirnigkeit – ist das Scherzl polyglotten Ursprungs und insofern ethymologsich dem Italienischen entlehnt, wo die Rinde scorza heißt. Scherzl ist aber nicht auf das Brot alleine beschränkt, sondern wird für jedwedes Endstück verwendet von Nahrungsmitteln, die brotlaibähnliche Form haben: Leberkäse und Käse wären Beispiele dafür; nur vom Gurknscherzl habe ich noch nichts gehört, doch ist die Gurke nur eine Spielart der Wurst und daher im strengen Sinne kein Laib. Das Scherzl ist übrigens im Falle des Brotes von der Reschn umgeben, weil ein frisches Brot sowieso immer resch zu sein hat, was knusprig meint. Die Reschn ist jetzt allerdings nicht als ein „Knupser“ zu übersetzen. Sie entspricht im hochsprachlichen Deutsch hannoveranischer Herkunft der Rinde. Manchmal kommt es vor, dass ein Bayer, bevor er das Scherzl abschneidet (was – selbstredend – nur möglich ist beim Anschnitt des Brotlaibes), den Bu(u)zn vom Apfel wegwirft und noch schnell die Noagal aus den Gläsern trinkt“.  (H.P.)

„Da habt ihr Euch ja ein schönes Thema gesetzt und selbstverständlich gibt es unzählige Schweizer Wörter dafür. Für mich gebräuchlich sind Gupf oder Ahöilig – weiß jetzt nicht mehr, welcher Ausdruck aus welchem Dialekt stammt, aber das könnte ich sicher auch noch eruieren, wenn ihr das benötigt.“   (J. Sch.)

Käntchen heißt das in meiner Familie. Meine bisher nicht besonders ehrgeizig betriebene Forschung hat im Gedächtnis hinterlassen: Lachkruste & Weinkruste.“  (G.H.)

„Bei uns hieß und heißt das Brotende Mo. Ansonsten sagt meine liebste Annette hieß das Ding in Ihrer Familie Knies.“   (F. Sch.)

„Das heißbegehrte Stück Brot, um das in unserem 7-Personen-Haushalt immer ausgiebigst gestritten wurde, hieß bei uns, einer sogenannten Schlammbeiser-Familie – väterlicherseits – aus Gießen KNÜSTCHEN, mit einem laaaang gesprochenen ÜÜÜÜÜÜ. Und da der frische Laib immer abends angeschnitten wurde (das Brot wurde am Nachmittag aus der Bäckerei geholt) gehört das begehrte Stück für mich zum Brotanfang und damit zum Abendbrot. Wenn der Laib beinahe aufgegessen war, war das End-Stück nicht mehr so begehrt, da schon nicht mehr so knusprig.  Knüstchen – das war der Inbegriff frischen, knusprigen Brotes zum Abendessen und schmeckte besonders gut einfach mit frischer Butter oder, wie meine Oma es bevorzugte, mit hausgemachter hessischer Mettwurst.“  (A.E.)

Knäußchen! Ich weiß aber nicht, ob dieser Ausdruck meiner badisch-bayrisch Großmutter, meinem hessen-nassauisch – badischen Vater oder meiner rheinisch-westfälischen Mutter entstammt. Lasst es Euch schmecken – wenn das Knäußchen zu hart ist, dann bitte einstippen.“    (R.B.)

„Hmm, was fällt da ein? Stumpen, Kniepe, Eckchen, Stummel, Kanten oder einfach: das Ende. Ich sage eigentlich nichts mehr zum Brotende, weil die meisten (eigentlich alle) zu hochnäsig waren, mir zu antworten.“  (U.B.)

„…und zweitens möchte ich Euch mitteilen: Das Brotende heißt natürlich Krüstchen – wie kann denn jemand anderes etwas anderes dazu sagen. Ich bin übrigens in Gießen groß geworden. Da mein Vater aus Schlesien kam, ist mir auch noch der dortige Begriff Krumka vage in Erinnerung geblieben.“   (Ch. B.-I.)

„Ich bin Österreicherin, und bei mir zu Hause in Niederösterreich hieß das, was ihr meint: Scherzl. Scherzl würde ich übrigens auch den Teil der Fingerkuppe nennen, den man sich versehentlich beim Brotabschneiden wegsäbeln kann.“  (T.E.)

„…ja, Knust, Abendbrot  –  in Hamburg … und zurückgefragt: schmeißt Ihr den Knust weg, macht Semmelknödel, gebt ihn den Hühnern, malträtiert Eure Zähne oder macht Kunst daraus?“   (D.E.)

„Das Ende (oder der Anfang) vom Brot heißt in Hessen freilich KRÜSTCHEN. Teites Eltern sagen KNUST und Oma Hannelore KNERZ (oder wenn ganz klein) KNERZCHEN. KNUST (das fällt mir gerade erst auf) ist ja fast wie KUNST…“.  (M.L.)

„Das ist doch das Gleiche, wie bei der WURST! Anfang und Ende sehen bei vielen Dinge(r)n eigentlich gleich aus, sind aber niemals das Gleiche. Auch oben und unten stehen Kopf, wenn man(n) auf dem Kopf steht! Nun zur KNUST(Kunst): das Endstück ist nur selten knusprig! (Nämlich nur, wenn man(n)s ganze Brot gleich isst – andernfalls ist nur der Anschnitt knusprig und das Endstück wird zäh und labbrig! In Steinbach heißt das übrigens: Kreässtsche (wohl von: Kruste/Krüstchen).“    (R.B.)

Knäppchen hieß das im Ruhrgebiet. Nicht zu verwechseln mit Knappen. Knappen sind Bergleute. Schalke 09 lässt den Begriff weiterleben und nennt seine Stadions- Essens und Getränkekarte eine Knappenkarte“.  (A.L.)

„Bei uns heißt das Aahau („Anhau“) …  im Dialekt meiner Frau heißt das fragliche Objekt übrigens Muger!“  (M. B.)

„Interessante Forschungsfrage, auf das Ergebnis bin ich gespannt. Wo ich herkomme, in Norddeutschland, sagt man Knust dazu. Ich hatte mal eine schwäbische Freundin, die sagte das Scherzerl. Hanna sagt, das hebräische Wort dafür – NESCHIKA – bedeutet übersetzt Kuss.“  (F.G.)

„Bei uns zu Hause in Hirschberg an der Saale, südlichstes Thüringen in der Nachbarschaft zum Vogtland, hieß der Brotkanten Remftel wobei ich zwei Dinge in der Erinnerung nicht mehr genau sagen kann:

1. Ob sich das Wort nur mit „mf“ schreiben würde – ich habe es nie geschrieben gesehen! – oder mit „mpf“. Nach der hörbaren Aussprache war es wohl eher ohne „p“, also Remftel.

2. Ich weiß auch nicht sicher, ob das nur ein auf unsere Familie beschränkter Ausdruck war (meine beide Eltern stammten aus Gera in Thüringen) oder ob der essbare Gegenstand im ganzen Ort und sogar im näheren Umland so hieß. Ich würde aus der Erinnerung dahin tendieren, dass das mehr als nur ein hauseigener Familienausdruck war.“  (R.K.)

„Noch eine Anmerkung zu den Brotenden, die ja bei uns daheim Scheazal heißen.
Es gab beim Essen ein paar Dinge, die immer besonders lecker und damit unter uns Geschwistern begehrt waren, das Salatherz des Kopfsalats zum Beispiel, das sogenannte „Heazal“. Am frischen Brot war die Rinde viel leckerer als der „Molln“, also das Brotinnere. Und noch besser war es, den „Molln“ zu einem Knödel zu formen, schnell und in einem Stück in den Mund zu stecken und dann die knusprige Rinde langsam und genüsslich in frische Milch zu tunken und dann die köstliche Verbindung von knackiger Rinde und sämiger Milch zu genießen. Als das Allerbeste galt jedoch das „Scheazal“, der erste Brotanschnitt – der bestand ja auch hauptsächlich aus Rinde. Und das war, genauso wie das „Heazal“ immer der Mama vorbehalten, vielleicht auch, damit wir uns nicht darum streiten…. Das Brotende einen oder zwei Tage später jedoch war weniger begehrt – da war das Brot ja auch schon hart und alt. Ich glaube fast, diese positive und verheißungsvolle Bezeichnung „Scheazal“ für den duftenden, teilweise noch warmen Anschnitt, wurde dann dafür nicht verwendet, und wenn, dann nur ungern“.   (M. W.)

„Im schwäbischen Süden heißt der Knust eher Gnäusle, im bayrischen Süden Kantn, Ronks oder Rönksken gibts auch, aber woher das kommt, weiß ich nicht (Schlesien?). Na, in jedem Fall lassen wir den Knust eh liegen, essen nur die schönen Scheiben des Brotes und lassen uns die Butter nicht vom Brot stehlen…“  (J.SCH.)

„Ich komme ursprünglich aus dem Saarland. Dort heißt das Brotende / der Brotanschnitt : Knies-chen, (vereinzelt auch Kneis-chen) und Kurscht (ich nehme an von Kruste).“  (S.J.)

„In der Gießener Allgemeinen las ich heute beim Frühstück Ihren Artikel Auf der Spur von Krüstchen und Knust. Ich (84) bin in Breslau geboren und lebe seit Kriegsende in Grünberg. Bei uns nannte man das Ende oder den Anschnitt Kanten. Besonders beliebt war der Kanten vom frischen Brot. (H.R.)

„Hallo. Wir stammen aus Sachsen und dort ist das Brotende ein Renftl oder Rempftel, der Rungsen ist nur eine dicke Scheibe Brot, die Bemme oder Schnitte bezeichnet eine normal dicke Brotscheibe.“ (H.Sch.)

„Interessiert habe ich Ihren Artikel in der Allgemeinen Zeitung gelesen. Sie fragten nach weiteren hessischen Namen für das Endstück des Brotes: Wir haben als Kinder Knatzel dazu gesagt.“ (U.D.)

„Also, bei uns heißt das Teil Gnärzla oder Gnäirdsla – wie auch immer man so was schreiben soll. Und ob es deutsch, fränkisch oder weidingerisch ist, wissen die Götter.“ (U.W.)

„Hallo, im sudetendeutschen Sprachraum: Knabele, das “le” ist ein Diminuitiv, vermutlich kommt die Bezeichnung von “knabbern”. Aus Österreich ist mir Scherzerl bekannt. (Georg Kreisler: Tauben vergiften im Park: “Nimms Scherzerl, das fressens so gern…”). (O.SCH.)

„In meiner Heimatstadt Kassel war der Brotanschnitt das Knüstchen, später in Sachsen lernte ich das Wort Knust (kurzes „u“) kennen und noch ein paar Jahre später in Südwürttemberg das Knäusle, bzw. Kneusle, Gneisle, Kneusli und das alemannische Knissli. Mein westfälischer Schwiegersohn nennt den Brotanschnitt Kanten„.  (I.K.)

„Da wo ich herkomme, heißt das Brotende Gnäarbl. Sprachlich ist das wohl niederalemannisch, stofflich aus Weizen und familienhistorisch zu Zeiten heiß umkämpft.“ (E.W.)

„Also bei mir zuhause (das ist in der Nähe von Heidelberg, da wird kurpfälzisch gesprochen – so wie Boris Becker früher gesprochen hatte), da heißt das Brotende  ´s Knärzl“. (B.G.B.)

„Sehr geehrte Abendbrotforscher, in meinem Heimatdorf sagte man zum Anschnitt Kniest. Das Heimatdorf ist Ellar im Westerwald. Wenn also einer den Anschnitt haben wollte, sagte er folgenden Satz: Ge ma mol doat Kniestche (gib mir mal das Krüstchen). Mit der Verkleinerungsform wollte er seine Großfresserei dann auf ein erträgliches Maß sprachlich zurückschrauben. Für uns Kinder war der Kniest angenehm, wenn wir vom Bäcker das Brot geholt haben, wir haben am Kniest immer herum gepult und uns die besonders krustigen Stellen mit Wonne in den Mund geschoben. Ellar liegt gleich Richtung Limburg rechts ab, Richtung Mengerskirchen hinter Fussingen. Es ist noch heute eine Insel wohllautender Dialektsprache.“ (F.H.)

„Zum Kreis Gießen: während in Gießen das hochdeutsche ü (kn-,kr-üstchen) und in der Abwandlung von Steinbach ein (Kreässtsche) verwendet wird, möchte ich noch die Version von Garbenteich hinzufügen: Krirstche ir ist ein besonderes nasales i. In Garbenteich ist meine Mutter geboren und ich bin dort aufgewachsen. Halt  – Mama sagt: Kresstche. So heißt das Brotende in Garbenteich. aus ir wird es.“ (Ch. S.)

„Gern beteilige ich mich an dieser fundamentalen Feldforschung und habe – neben dem schon bekannten Knust – den Kanten beizutragen. Ich bin dann noch selber ins ‚Feld‘ gegangen, sprich: ich haben meine Schwiegereltern gefragt, und bin dabei auf den oder die Kniffe gestoßen, bei der aber nicht ganz klar ist, ob es sich dabei nicht auch um eine gewöhnliche Scheibe Brot aus der Mitte des Brotlaibs handelt!“ (H.G.)

„Im Raum Krofdorf / Gießen heißt der Brotanfang Owänner. Das Brotende nennt man Krestche.“ (W.E.L.)

„Unser ehemaliges Gastkind aus Guatemala hat uns beigebracht, dass das Endstück des Brotes Suegra auf spanisch heißt, und das ist das gleiche Wort wie Schwiegermutter. Kapiert? Also die Übersetzung von Schwiegermutter und Brotende heißt Suegra (ich hab‘s mal so geschrieben, wie ich es ausspreche). Seitdem nennen wir das Brotende Suegra, weil wir das so lustig finden.“ (W. u. B. B.)

„Meine aus Schlesien stammende Schwiegermutter nennt den Kanten Ränftel (vielleicht auch Renftel?).“  (R.L.)

„Varianten für das Brotende: meine Großmutti aus der Schweiz sagt Mürgu. Tante Eva aus Wien sagt: Scherzl. Anne aus der Oberlausitz sagt: 1. Backe, 2. Kanten, 3. Kromitzka (sorbisch – so sagte ihre Oma, sagt Anne).“  (T.S.)

„Wie ich Eurem Schreiben entnehmen kann, ist Abendbrot immer noch ein Thema für Euch. Sehr konsequent! Helmut und ich haben gerade unser Sonntag-Abendbrot zu uns genommen und uns dabei ein Knäppchen geteilt. Das ist für uns die Bezeichnung für das Ende bzw. den Anfang eines Brotes. Möglicherweise ist das eine Bezeichnung aus dem Sauerland, da wir beide gebürtig von dort kommen und den Ausdruck auch schon in unserer Kindheit gebraucht haben.“ (A.F.)

„Liebe Leute, in meiner Familie (stammt aus Reutlingen/Eningen; Großraum Stuttgart) hieß das erste/letzte Stückchen vom Brot Riebele – ich glaube, diese Variante ist noch nicht in der Sammlung?“ (C.H.)

„Hier in Westfalen nennt man den Brotanschnitt Knuf oder auch Knust. Meine Freundin Anne, die aus Beckum stammt, spricht vom Knäppchen.

Meine Großmutter, die aus der Pfalz stammt, sprach vom Knäußchen, meine Mutter vom Knortzen oder auch vom Knörtzel, was sich ethymologisch sicher von dem Wort Knorren herleitet. Ich bin in Oberschwaben aufgewachsen. Dort war der Brotanschnitt der Riebel oder auch das Riebele. Selten sprach man auch vom Kanten, ein Wort, das aus dem nahen Bayern kam und eher eine dicke Scheibe Brot bedeutete, die man z.B. mit zur Arbeit nahm. Der Riebel hatte in meiner Kindheit, also in den Kriegs- und Nachkriegszeit, hohen Stellenwert. So manchen heißen Kampf um ihn habe ich damals mit meinen drei Geschwistern ausgefochten. Manchmal, wenn ich zum Bäcker geschickt wurde, habe ich auf dem Weg nach Hause den Riebel abgerissen und genüsslich verzehrt. Die Reaktion meiner Geschwister war nicht positiv. Ein Kindheitstraum war, einmal einen Riebel Brot, ohne Lebensmittelmarken gekauft, dick mit Butter beschmiert, genüsslich verzehren zu dürfen. Wenn ich das heute meinen Enkelkindern erzähle, erfahre ich nur Unverständnis und Desinteresse. So ändern sich die Zeiten. Übrigens: in Oberschwaben nennt man den Kopf auch Riebel.“ (P.H.)

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ABENDBROTMUSEUM

9. Januar 2011 - 12:47 Uhr

Das Abendbrotmuseum versammelt Gegenstände und Fotografien von Dingen, an denen Abendbroterinnerungen haften. Erinnerungen an den gedeckten Tisch aus Kindertagen, an Abendbrote bei den Großeltern, Picknickbrot-Situationen, WG-Abendessen oder Abendbrote aus der jüngsten Vergangenheit – mit den eigenen Kindern, dem Partner, Freunden oder alleine.

Gibt es noch das Lieblingsbrettchen? Welcher Gegenstand hat sich herübergerettet aus der Zeit, als sich noch alle Familienmitglieder pünktlich um 18 Uhr um den gedeckten Tisch versammelt haben. Oder welches Messer, welchen Teller oder Salzstreuer benutzt man heute am liebsten?

ABENDBROTBRETTCHEN

Dieses wunderbare Abendbrotbrett haben wir Abendbrotforscher vor einigen Jahren im Ensemble mit vier weiteren auf einem der besten mittelhessischen Flohmärkte erstanden. Damals waren wir noch keine Abendbrotforscher, hatten aber schon viel Spaß am Abendessen und gestrigem Geschirr. Wenn Zeit und Lust dem gedeckten Tisch gegenüber dem Butterbrote-Teller den Vorrang geben, sind diese Deluxe-Brettchen mit Bild- und Schneidefläche unsere liebsten.

I.G.

GÄBELCHEN

„Diese Gäbelchen erinnern mich an die – aufgrund der großen Entfernung  – nicht häufigen Abendbrote bei meiner Oma. Genau diese durften auf ihrem Abendbrottisch nicht fehlen, um den Wurstaufschnitt fettfingerfrei auf das Schwarz- oder Knäckebrot zu bugsieren oder um die obligatorischen sauren Gürkchen aufzuspießen. Denke ich an ihren Abendbrottisch, dann fällt mir auch die rechteckige, durchsichtige Stapelbox aus Plastik ein, in der Aufschnitt und Käse etagenweise im Kühlschrank gelagert wurde, um dann ihren Platz im praktischen Mehrstöcker auf dem Abendbrottisch zu finden.“

I.G.

EIERTRAGE

„Dieser Behälter für hartgekochte Eier begleitete uns in den späten 50er-Jahren bis Anfang der 70er-Jahre immer und überall hin, wenn wir einen Sonntagsausflug mit Opel oder Taunus machten, oder die weite Reise bis hin zur Ostsee auf die Insel Fehmarn antraten. Der Besuch eines Restaurants war damals nicht üblich und für meine Eltern mit ihren vier Kindern unerschwinglich. Ich erinnere mich mal an einem Bratwurststand und sogar im Wiener Wald gewesen zu sein. In der Regel gab es aber leckere Butterbrote, zwei hart gekochte Eier, Tee und Äpfel“.

F.J.

SENFSPENDER

„Dieser Senfspender (man beachte: von TUPPER!) wurde im Frühjahr 1969 für den ersten Campingurlaub im Ausland angeschafft. Es ging in den Sommerferien nach Frankreich, nach Lou Soleil am Mittelmeer. Die Familienkutsche (Ford Taunus 20MTS) war neben den Eltern im vorderen Bereich und vier Mädchen auf der Rückbank bis unter und auch über dem Dach bepackt. Es war mein erster Camping- und auch mein erster Auslandsurlaub. Auf alle Fälle war es mein schönster Familienurlaub. Ein Abendbrot ohne Senfspender?! Geht das??!“

F.J.

NUTELLA-BRETTCHEN

„Dieses Nutella-Brettchen begleitet mich seit meiner Kindheit in den frühen 70er-Jahren. Ob meine Mutter es zusammen mit einem Nutella-Glas eingekauft, oder mein Vater, der im Handel tätig war, es als Werbegeschenk mit nach Hause gebracht hat, weiß ich nicht mehr. In die ovale Einkerbung des Brettchens hat auf jeden Fall ein kleines Nutella-Glas hineingepasst. Noch heute benutze ich es leidenschaftlich gerne – nicht nur zum Frühstück, sondern auch zum Aufschneiden von Wurst oder eben zum Abendbrot.“

J.W.

MITROPA-TELLER

Diesen ovalen Mitropa-Teller haben die Abendbrotforscher bei ihrem Projektaufenthalt im Rahmen von GrensWerte in Bad Bentheim erstanden. Dort hatten wir unser Basislager und haben in diesem beschaulichen (um nicht zu sagen: totlangweiligen) Kurort einen wunderbaren Trödelladen entdeckt. Dort gab es Unglaubliches zu sehr erschwinglichen Preisen, u.a. diesen Teller, der sicherlich einiges von seinen Bahnreisen berichten könnte. Bestimmt kommt ein kleines Angebot an Aufschnitt ausnehmend gut auf ihm zur Geltung.

KÄSE-IGEL

Grasoli HAPPY heißt dieser schmucke, noch original verpackte Käse-Igel, der uns aus einer Haushaltauflösung in Kassel für unser Archiv übergeben wurde. Er scheint kaum benutzt und wartet nun auf seinen Einsatz auf einem unserer Abendbrottische. Wir danken Harald Sch. für diese Gabe!

MAX & MORITZ

Max & Moritz stehen für den Abendbrottisch meiner Kindheit. Ich fand diesen Klassiker des Würzwerkzeugs von Wagenfeld schon als Kind wunderbar in seiner einfachen aber klaren Formensprache. Dieses Streuer-Set ist leider nicht das Original meiner Kindertage, sondern wurde aus nostalgischen Gründen (antiquarisch) neu erworben.“

I.G.

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Umfrage

3. Januar 2011 - 15:17 Uhr

Antworten bitte an:

E-Mail: mail@abendbrotforschung.net

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Leberwurst

30. Dezember 2010 - 15:43 Uhr

Abendbrot ohne Leberwurst? Diese ist aus einer Hausschlachtung im Fränkischen Jobstgreuth.

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Brotklompen auf dem Butterweg

18. September 2010 - 12:17 Uhr

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Diepenheim – GrensWerte

18. September 2010 - 11:28 Uhr

Diepenheim, 14.09.2010

Bei heftigem Dauerregen brechen wir erneut in die Niederlande in die kleine Gemeinde Diepenheim auf. Vor Ort begrüßt uns zwar eine sehr gepflegte und sichtbar von Kunst geprägte Gemeinde. Das Wetter meint es jedoch nicht gut mit uns. Immer noch ist es regnerisch und ein scharfer Wind fegt die Straßen menschenleer. Da wir in Diepenheim keinen vorher festgelegten Ort für unsere Intervention haben, fahren wir eine ganze Weile durch die Ortschaft – auf der Suche nach einem halbwegs belebten Ort.

Fehlanzeige. Kaum jemand ist auf der Straße, nur hier und da hat ein Hund seinen Menschen auf die Straße gezogen, der nun schnellen Schrittes mit hoch gezogener Kapuze den unumgänglichen Gassi-Gang verrichtet. Auch der zentrale Platz steht nur voller Pfützen. Wir stellen fest: Niemand da, dem man ein Butterbrot anbieten könnte.

Nach erster Ratlosigkeit kommen wir zu dem Entschluss, dass die Abendbrotforschung heute aufsuchend tätig werden muss. Wir fahren weiter durch den Ort auf der Suche nach Menschen, vorbei an den vielen hübsch geputzten Einfamilienhäusern. Durch die großzügigen, gardinenfreien holländischen Fenster sieht man einige Familie bei Abendbrotvorbereitungen – es wird geschnippelt und gekocht.

Unsere Brote bleiben heute dagegen eingepackt. Aber Plan B sagt: wir bringen unsere Brotbrotboxen direkt zu den Holländern. Wie ehemals der Milchmann fahren wir unsere „boterham trommeltjes“ aus. Gut, dass wir sie vorher mit niederländischer Gebrauchsanweisung versehen haben. Nicht flächendeckend doch hier und dort setzen wir unsere Feldforschungsbox vor den Haustüren der Diepenheimer aus. Manch einer schaut erstaunt aus dem Fenster und belächelt das eigenwillige deutsche Wohnwagengespann nebst Lieferservice.

Nach der feuchten Verteilaktion fahren die Abendbrotforscher nach Deutschland zurück, gespannt welcher Resonanz demnächst aus Diepenheim kommt…

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Bad Bentheim – GrensWerte

18. September 2010 - 11:27 Uhr

Bad Bentheim, 13.09.2010

Wir sind wieder auf die deutsche Seite der Grenzregion zurückgekehrt. Auch im niedersächsischen Bad Bentheim lässt sich die Abendbrotforschung auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus mit ihrer mobilen Einheit für die Abendstunden nieder. Pünktlich um 18 Uhr sind wir fertig mit dem Aufbau und erwarten Brote schmierend unsere potentiellen Gäste.

Um uns herum schlendern vorwiegend ältere Urlauber über den Platz – unter ihnen viele Holländer. Ihr Ziel ist zumeist das zentral am Platz gelegene Hotel Grossfeld. Uns kommen oft holländische Satzfetzen zu Ohren, aus denen hervorgeht, dass die erstaunten Flaneure versuchen unsere Mobilaufschrift zu enträtseln. Aber nur wenige folgen ihrer Neugier nachfragend  und lassen sich dann von uns kurz in Gespräche verwickeln.

Nachdem er uns wohl eine ganze Weile von seinem Arbeitszimmerfenster aus dem Rathaus beobachtet hat, macht auch der Bürgermeister von Bad Bentheim, Herr Dr. Volker Pannen, auf dem Nachhauseweg mit dem für die hiesige Region obligatorischen Fahrrad vor unserem Mobil halt. „Das sieht ja putzig aus! Was hat es denn damit auf sich?“ Wir klären ihn auf und bitten auch gleich um Teilnahme, indem wir ihm unsere Butterbrotbox in die Hand drücken.

Ansonsten sind es vor allem die Jugendlichen von Bad Bentheim, die keine Scheu zeigen. Lange sind wir von einer ganzen Gruppe umringt, die neugierig nachfragt und bereitwillig erzählt. Wir sitzen mit ihnen zusammen und tauschen unsere Brote gegen ihre Erzählungen. Einige notieren eifrig, was ihnen zu ihren individuellen Abendbroten einfällt. Ein gemeinsames Abendbrot im Kreis der Familie findet für sie allerdings nur noch in Ausnahmen statt (s. „Abendbrotnotizen“). Wir sind auf jeden Fall gespannt, wieviele von den versprochenen Abendbrotfotos tatsächlich bei uns landen!

Nach den Jugendlichen folgt eine Gruppe von Kindern – in Ermangelung anderer Attraktionen sehr an unserem Mobil interessiert. Und äußerst hungrig. Mit dem Dunkelwerden geht für uns ein sehr lebendiger Abendbrot-Abend zu Ende.

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