LOBLIED auf das Abendbrot

WARME WORTE FÜR EINE KALTE MAHLZEIT
Um zu umreißen, warum das Abendbrot für uns ein Thema, Anknüpfungspunkt und gesellschaftlich relevantes Sinnbild ist, möchten wir ein kompaktes LOBLIED auf das Abendbrot singen.
Das Abendbrot ist kulinarische Besonderheit im deutschsprachigen Raum.
Beim Abendbrot handelt es sich um eine alltägliche und wenig spektakuläre Mahlzeit. Doch „das Brot und seine belegenden Begleiter“ stehen für eine bemerkenswerte Tradition. Sie sind der Kern einer kulinarischen und kulturellen Spezialität im deutschsprachigen Raum, die u.a. der großen Brotsorten-Vielfalt geschuldet ist. Und doch scheint das Abendbrot inzwischen immer weniger praktiziert zu werden. Veränderte Familienstrukturen und Arbeitsbedingungen haben dazu geführt, dass abends zunehmend warm gegessen wird. Aber es gibt Gründe, die Mahlzeit, die sich dadurch auszeichnet, dass sie brotbasiert, kalt, komponentenreich, deftig und lecker ist, zu würdigen.
Das Abendbrot markiert den Übergang zwischen Arbeit und Freizeit.
Es ist die Mahlzeit, die (grundsätzlich) am meisten Muße zulässt und den Tag kulinarisch beschließt. Neben Brot und Leberwurst kommen die Ereignisse des vergangenen Tages auf den Tisch. Besonders Familien mit Kindern schätzen das klassische Abendessen, denn nichts wird kalt und man kann so lange reden, bis die letzten Salamischeiben und Silberzwiebeln aufgegabelt sind.
Das Abendbrot ist die Resteküche der Mahlzeiten.
Auf den Tisch kommt, was der Kühlschrank hergibt – dazu vielleicht noch ein paar warme Reste vom Mittag. Das Abendbrot ist eine unkomplizierte Mahlzeit und eine verwertende; jeden Tag sieht es ein bisschen anders aus. Dabei kann es sehr üppig oder improvisiert ausfallen. Als komponentenreiche Collage könnte das Abendbrot bezeichnet werden, und über das Zusammenspiel der Beläge bestimmt jeder Esser individuell.
Das Abendbrot macht den Tisch zum Gestaltungsraum.
Bei keiner anderen Mahlzeit kommt Heterogeneres auf den Tisch. Ob Brettchen oder Teller, Butter oder Margarine, Wurst oder nur Käse entscheiden Familientraditionen und spezielle Vorlieben. Der gedeckte Tisch ist ein Gestaltungsraum mit schier unendlichen inhaltlichen, materiellen wie kompositorischen Möglichkeiten. Kommen die Tupper-Dosen auf den Tisch oder wird der Aufschnitt aufgeblättert? Ob man Schnitten schmiert, vorm Fernseher isst oder den Tisch deckt, gibt die Zeit vor, die man sich einräumt.
Das Abendbrot ist privat.
Wird man zum Essen eingeladen, dann wohl kaum zum Abendbrot. Eine Einladung heißt höchstwahrscheinlich: Es gibt etwas Warmes. Das Abendbrot spielt sich im privaten Alltag ab, ist mit Kindheitserinnerungen verbunden – mit heimeligen und auch einengenden. Beim Abendbrot zeigen sich persönliche wie Familienrituale.